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AUSBLICK ZWEITES HALBJAHR 2015

Marktbeurteilung

Im Börsenjahr 2015 stiegen die Kurse in den ersten drei Monaten weltweit kräftig an, und an vielen Börsenplätzen wurden langjährige Höchststände erreicht. Hauptgründe hierfür waren die weltweiten Tiefzinsen, hohes Geldmengenwachstum und die in Teilen der Welt gute Wirtschaftsentwicklung bzw. für Exportnationen günstige Wechselkursentwicklungen.
Diese bisherigen Einflussgrößen für die Hausse werden im zweiten Halbjahr keine Gültigkeit mehr haben. Seit April konsolidierten die Börsen, besonders zeigen sich deutliche Renditeanstiege für Staatsanleihen, die bis zu einer Verzehnfachung für Zehnjahresanleihen führten (0,08 auf nahezu 0,9% für 10 Jahres Bundesanleihen). Demgegenüber standen Kursverluste an den Anleihemärkten von z.B. 134 Euro auf 100 Euro für 30 jährige spanische Staatsanleihen. De facto haben also die Anleihenmärkte eine Zinswende vorweggenommen, obwohl noch keine der großen Notenbanken einen Zinsanstieg eingeleitet hat. Diese Zinswende ging einher mit sinkenden Kursen an den Finanzmärkten, an denen es zu Kursrückgängen wie seit vier Jahren nicht mehr kam (der deutsche Kurs-Dax zwischenzeitlich minus 14% seit Anfang April. Neben dem „mini-Bond-Crash“ ist der wieder stärkere Euro und die andauernde Konkursverschleppung in Griechenland - eine Abkehr von marktwirtschaftlichen Grundsätzen - eine vorübergehende Belastung für die Märkte. Diese wird kurzfristig andauern. Der nach wie vor hohe Optimismus für den US Dollar wird antizyklisch wirken und ein weiteres Erstarken des Dollar verhindern.
Der deutsche Handelsüberschuss der vergangenen 12 Monate in Höhe von 234 Mrd Euro ist der weltweit höchste. Nur hierdurch ist der Euro zur fundamental am besten abgesicherten Währung geworden. Der Rest Europas trägt hierzu nicht bei. Ein leicht schwächerer US-Dollar wird wiederum positive Auswirkungen auf die Weltaktienmärkte und besonders den US-Aktienmarkt haben. Dagegen wirken weiter leicht fallende Anleihekurse. Es bleibt abzuwarten, welche Kräfte an den Märkten mehr Wirkung erzielen.

Besonders für Europa sind fundamental günstige Voraussetzungen für ein positives zweites Börsenhalbjahr gegeben. Deutliche Gewinnsteigerungen der Unternehmen, monetär stärkstes Geldmengenwachstum M1, und markttechnischer Rückenwind (wenig Optimismus im Put/Call Verhältnis) geben deutliche Kaufsignale. Die künstlich niedrigen EZB Zinsen werden weiterhin die Unternehmensinvestitionen und Immobilien in Europa positiv beeinflussen. Exportabhängige deutsche Unternehmen können durch einen stärkeren Euro und Russland-Sanktionen hingegen belastet werden.
Derzeit beobachten wir aktuell eine relativ starke Differenz zwischen Dollar- und Eurozins. Immer wenn in der Vergangenheit ein hoher Dollar Zins und gleichzeitig ein starker Dollar vorlag, kam es zu negativen Einflüssen auf die Weltkonjunktur, weil diese zwei Parameter international deflationär wirken. Daher beurteilen wir die Wachstumsaussichten in dollarabhängigen Schwellenländern eher zurückhaltend.

In China ist die Situation eine andere. Hier bewirken wachsende Produktivität und wachsende Arbeitskräftezahlen hohes volkswirtschaftliches Wachstum. Auch die Chinesen haben mittlerweile die Bedeutung des Aktienmarktes für das Wachstum erkannt. Es werden 500 zusätzliche Unternehmen an die Börse kommen, was bei Gelingen Wachstum und Beschäftigung bringt. In einer Woche wurden in China mehr neue Aktien Depots eröffnet, als es in Deutschland Direktaktionäre gibt (ohne Fonds). Hinzu kommet, dass China das monetäre Ruder herumgerissen worden ist und der Kurzfristzins nun auch bei etwa 2% notiert. Kurzfristig ist China deutlich überhitzt, langfristig jedoch werden die positiven Indikatoren den chinesischen Markt entsprechend positiv beeinflussen.

Insgesamt beschäftigen sich die Finanzmärkte auch in diesen Wochen mehr mit Griechenland, als es die volkswirtschaftlichen Zahlen rechtfertigen würden. 0,004% der US Exporte gehen nach Griechenland, dennoch vollzog sich in den letzten Wochen der stärkste Dow Jones Rückgang seit zwei Jahren. Auch die deutsche Börse pendelt parallel zu den Griechenland Verhandlungen und den Ergebnissen aus der Volksabstimmung seit Wochen hin und her. Von Seiten der Chinesen werden Rufe stärker, die eine schnelle Lösung verlangen. Die Chinesische Börse verlor denn auch in zwei Wochen 23%, ein beachtlicher Rückgang angesichts des Double aus Zinssenkung plus Mindestreservesenkung.
Das Ausmaß der Einflüsse Griechenlands auf die Märkte überrascht. 85% der 330 Milliarden Schulden befinden sich in öffentlicher Hand, der EZB bzw. den Steuerzahlern und nicht mehr bei systemrelevanten privaten Wirtschaftsteilnehmern wie Banken. Das Geld ist de facto schon lange verloren. Die deutschen Staatschulden werden sich um 100 Milliarden erhöhen. Bei einem Verbleib Griechenlands im Euro stehen die europäischen Steuerzahler auch zukünftig vor weiteren Umverteilungszahlungen. Würde Griechenland den Euro verlassen, würden nach einer Übergangsphase die griechische Arbeitslosigkeit, derzeit 26%, sinken, und das Land wettbewerbs- und exportfähiger. Argentinien wuchs nach einer Abwertung vier Jahre lang jeweils mit über 8%. Bei gesteigerter Wettbewerbsfähigkeit würden in Griechenland auch die Tomatenernten nicht mit EU Geldern vernichtet, weil importierte Treibhaustomaten aus Holland nicht mehr aus Gründen der Lohnkosten billiger wären.

Schlussfolgerung für Aktienmärkte

Bewertungstechnisch sind Aktien nach wie vor für Neuengagements nicht teuer. In den Industrieländern notieren die Kurse etwa auf dem Niveau wie vor 15 Jahren. In diesem Zeitraum haben die Unternehmen erhebliche Substanzzuwächse durch Gewinne angehäuft.
Markttechnisch sehen die Börsen in Europa derzeit besser als in den USA aus. Dow Jones und S&P 500 sind auf den 200 Tages Durchschnittswert zurückgefallen und liegen entgegen der europäischen Werte nicht über den Jahresanfangsständen. Transport- und Versorgertitel liegen sogar 12% unter den Ständen vom 1. Januar. Die Advanced Decline Linie, die keine Indexverzerrungen durch große Titel beinhaltet, zeigt ein Fallen der Gesamtheit der Aktien, obwohl vor kurzem noch historische Höchststände in Dow und Nasdaq verzeichnet wurden.
Dennoch spricht aus Angebots/ Nachfrage Blickwinkel derzeit nichts für eine Baisse in den USA. Dabei spielen auch Aktienrückkäufe der Unternehmen eine große Rolle. Keine positiven Überraschungen dürften von Seiten der (sinkenden) Unternehmensgewinne und wieder deutlich steigender Lohnstückkosten kommen.
Positiver ist die Situation in Japan, und zwar aus dem Blickwinkel der Unternehmensgewinne und der monetären Ankurbelung durch die Notenbank, die Folge: mehr positive Gewinnüberraschungen. Angesichts der aktuellen Unterinvestiertheit der Japaner in Aktien, staatlicher Förderungen für das Aktiensparen, und der Zunahme von Aktiensplits (optische Verbilligung) sehen wir deutlich positive Impulse für den japanischen Aktienmarkt. Auch fundamental sind die japanischen Titel preiswert. Das Kurs/Buchwert Verhältnis ist weltweit am preiswertesten, gleiches stimmt – fast -auch für das Kurs/ Gewinnverhältnis.
Die Finanzmärkte wollen inzwischen nur noch eine endgültige Griechenland-Lösung, dabei scheint zweitrangig zu sein, welchen Ausgang die Verhandlungen nehmen. Der Markteinfluss durch Griechenland wird daher kontinuierlich abnehmen. Für die kommenden drei Monate rechnen wir jedoch weiter mit volatilen Märkten. Denn die Entscheidungen hinsichtlich Griechenland müssen verarbeitet, die absehbaren Folgen abgeschätzt und die Folgen für die Aktienmärkte eingepreist werden. Die Finanzmärkte werden sich aber ab Spätsommer wieder auf fundamentale Faktoren besinnen. Für das zweite Halbjahr 2015 raten wir daher, Liquidität weiter abzubauen und gezielt ins Risiko zu gehen. Dabei favorisieren wir Europa und Asien/ Japan.