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Fokus Politik Börsenbrief April 2018

 

Liebe Anleger,

In den letzten 14 Tagen stellten sich dynamische politische Entwicklungen ein, die ein geändertes westliches Werteverständnis zum Ausdruck bringen. Sie werfen massive Fragen hinsichtlich unserer zukünftigen Berechenbarkeit auf.

Dieser aus unserer Sicht Paradigmenwechsel macht das Analysegeschäft nicht leichter. Dabei verstellt die Fokussierung auf individuelle Krisenherde, wie Skripal, Ukraine oder Syrien nur den Blick auf das wesentliche. Sie sind nur die Folgen einer internationalen Machtauseinandersetzung.

Die finanzwirtschaftlichen Mächte haben sich Richtung der früheren Entwicklungs-, heute aufstrebenden Wachstumsländer verschoben. Diese Länder stehen heute für 66% des Welt BIP (1990 20%), für 88% der Weltbevölkerung und 70% der Weltdevisenwährungen.

Der US Anspruch, die Welt zu dominieren, ist vor diesem Hintergrund totalitär und zwingt zur Diskussion, warum sich die USA nicht internationalem Recht unterwerfen, es aber beliebig auf Dritte anwenden.

Wie verhält sich dabei Donald Trump?
Er nennt permanent falsche Zahlen, die Handelsbilanzüberschüsse Chinas gegenüber den USA betrugen 380 Mrd. USD, nicht wie von Trump behauptet, 500 Mrd. USD. Zudem wirft er Zahlen in Bezug auf die Höhe der Zölle und dem Wert aller Produkte, die er mit Zöllen belasten will, ständig durcheinander.

Man hat den Eindruck, der US Präsident gar nicht die wirtschaftliche Vorstellungskraft hat, zu verstehen, was passiert, wenn seine Drohungen wirklich umgesetzt werden.

Sein Hauptziel ist nach eigenen Worten, die Chinesen in die Knie zu zwingen. Das ist eine weitere Unkenntnis der chinesischen Mentalität, die sich für 200 Jahre Unterdrückung rächen wollen.

Protektionistische Maßnahmen können in Zeiten weit fortgeschrittener Globalisierung nur schaden. Komplexe Zulieferketten und unbekannte Eigentümerstrukturen der Zulieferfirmen machen die Angelegenheit so diffizil, dass es bei einem Handelskrieg nur Verlierer gibt. Trump vergisst, das Exportfirmen in China zu einem erheblichen Teil Amerikanern gehören.

Ein Handelskrieg erhöht die Preise, somit sinkt der Lebensstandard der US Bürger. Dem US Präsidenten scheint keineswegs klar zu sein, welche negativen Folgen er der Weltwirtschaft im Ernstfall beschert.

Erschwerend kommt hinzu, dass seine neuen Berater (z.B. John Bolton) äußerst aggressive "Falken" sind, die den Anfangs von der Presse (zu sehr) angegriffenen Steve Bannon (inzwischen ebenfalls vom Präsidenten entlassen) noch weit in den Schatten stellen.

Es erstaunen uns auch die Einlassungen des Weißen Hauses bezüglich der Folgen dieser US-Politik. Die aus der Risikoaversion des Wirtschaftskriegs resultierenden Abwertungen des Rubels und des Yuan werden jetzt als Währungsmanipulation dargestellt und damit gegenüber Moskau und Peking ein Vorwurf durch Washington konstruiert.

Auch für Washington gilt: Das aggressive Handeln hat Konsequenzen! Für ernstzunehmende Analysten und Volkswirte ist das intellektuelle Niveau, das uns aus Washington aufgezwungen wird, mittlerweile nur noch schwer verdaubar.

Allerdings:
Um seinem Ziel (Wählerlob) näherzukommen, gab Trump jüngst bei den NAFTA-Verhandlungen mit Kanada und Mexiko überraschend nach (z.B. bei Autozöllen) und weckte die Hoffnung, dass doch noch ein für alle Seiten akzeptables Ergebnis bei den neuen NAFTA - Verträgen herauskommt.

Wer Trumps Verhandlungsbuch ("The Art of the Deal") gelesen hat, weiß, dass dessen Forderungen – wenn er gemäß Buch verfährt – mehr Taktik als Ergebnis-Endziel sind. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass Trump wie bei der Steuersenkung am Schluss doch noch ein akzeptables Ergebnis bei den Handelsstreitigkeiten erreicht.

Wesentlich gefährlicher, als mit einem Handelskrieg zu spielen, ist die Versuchung, mit wirklicher Kriegsgefahr zu taktieren. Schon seit Beginn des Syrien-Kriegs hat man den Eindruck, dass nur Großmachtinteressen wichtig sind und das Wohl der Bevölkerung keine Rolle spielt.

Nachdem der wohl von weiten Teilen der Bevölkerung unterstützte Assad inzwischen mit Russland die Oberhand gegenüber dem IS gewonnen hat, könnte man meinen, dass mehr Ruhe einkehrt. Offensichtlich aber verfolgen die USA andere Ziele.

Zudem besteht eine starke Verbindung Syriens mit dem Iran.
Wenn nun Trump die mühsam auch unter Mithilfe Deutschlands ausgehandelten Friedensvertrage in Sachen Atomenergie im Mai aufkündigt, wird nicht nur der Ölpreis (für die Weltkonjunktur belastend) steigen (was sich schon abzeichnet), sondern würden auch neue Kriegsgefahren auftauchen.

Wie passt das zu unserem westlichen Selbstverständnis, das wir bis gestern noch beanspruchen? Wir sehen aufgrund dieses Problemfeldes eine absehbar latente Risikolage, die die Weltkonjunktur negativ beeinflusst. Kurzfristig erachten wir das Maß der Stabilität aber als relativ hoch.

Wenn der Westen weitere Eskalationsstufen durch Diplomatie vermeidet, kann diese verhaltene Zuversicht anhalten. Kommt die westliche Welt zu Sinnen? Es gibt vorsichtige Anzeichen. Aussagen von Seiten der Bundesregierung zeigen den unbedingten Willen, der Rückkehr zur Diplomatie in der Syrienfrage und auch beim Aufbau einer eigenen kontinentaleuropäischen Verteidigung.

Unsere Bundesregierung mischt sich in Syrien ein, indem man ein Ende der Kämpfe fordert. Dann sollte man seitens des Westens die islamisch orthodoxen terroristisch gegen westliche Werte agierenden Kräfte unter Umständen nicht weiter unterstützen (überwiegend Söldner, nicht Syrer). Mehr noch fordert man einen Neuanfang langfristig ohne Assad. Wir fragen uns diesbezüglich, auf welcher belastbaren internationalen Rechtslegung diese Forderung beruht? Welche Länder bewegen sich in Syrien im Rahmen des Völkerrechts konform und welche Länder brechen latent Völkerrecht vor Ort? Warum gibt es keine Lernkurven aus den Fehlern der Regime-Change Politik, die ausschließlich Tod, Unglück und Flucht verursachten?

Am Ende hat der Westen nicht nur Rückgänge am Anteil der Weltwirtschaft seit 28 Jahren zu verzeichnen. Der moralische und ethische Kompass des Westens ist aus Sichtweise der aufstrebenden Länder ebenso massiv seit 2001 unter die Räder gekommen.

Mit jedem Tag gewinnen die aufstrebenden Länder an ökonomischer Bedeutung, die auch immer eine politische Machtachsenverschiebung bedingt. Ein Mitglied der chinesischen Zentralbank sagte kürzlich „Der Westen hat alles versprochen und nichts gehalten“ (bezüglich politischer Partizipation auf Basis der veränderten Bedeutung der Wirtschaftsräume).

Ist Wortbruch ein westlicher Wert (auch Nato-Osterweiterung)? Das waren und sind die Katalysatoren für die Emanzipation der aufstrebenden Länder unter Führung Pekings und Moskaus. Sie liefern Antworten mit Alternativen zu IWF, Weltbank und SWIFT. Sie sind konstruktiv und aktiv an Infrastrukturprojekten (Seidenstraße)! Das hilft den Menschen und zerstört sie nicht!

Was macht der Westen? Reden über westliche Werte? Leben wir diese Werte oder führen wir sie ad absurdum (u.a. Unschuldsvermutung)?

An dieser Stelle ein Ausspruch von Fürst Bismarck: Gegen Russland kann man nicht gewinnen, man kann mit Russland aber Zukunft gestalten!